Der Chandler-Code

Krimikritiker Marcus Müntefering und Bestsellerautor Friedrich Ani verraten auf der »Crime Cologne«, warum der im Jahr 1939 erschienene Roman »The Big Sleep« bis heute der Goldstandard der Kriminalliteratur ist.


Nehmen Krimilegende Raymond Chandler in die Mangel: Bestsellerautor Friedrich Ani und Krimikritiker Marcus Müntefering


Der Privatdetektiv der die Krimialliteratur für immer veränderte


Philip Marlowe war nicht der erste Vertreter einer neuen Generation hartgesottener Ermittlerfiguren, die in den 1930er Jahren zunehmend das Krimigenre prägten. Und wahrscheinlich war er auch nicht der härteste, coolste und abgebrühteste von ihnen. Und doch hat der US-amerikanische Autor Raymond Chandler mit Marlowe eine Figur für die Ewigkeit erschaffen, die wie keine zweite Generationen von Autor:innen beeinflusst hat und die Kriminalliteratur bis heute prägt. Wirft man einen Blick auf die Rezeptionsgeschichte, so dürfte es kaum zu viel behauptet sein, dass ohne das berühmte Private-Eye aus Los Angeles heute kein Thriller, kein Krimi und kein Dialog einer Vorabendkrimiserie das wäre, was er ist.


Weg vom Golden-Age-Glamour und hinein in die Straßen und Gossen von L.A.


Mit Chandler bewegte sich das Genre endgültig weg vom angelsächsisch geprägten Golden-Age, mit seinen festen Regeln und deduktiven Erzählstrukturen, hin zu einer offeneren und freieren Form. Vor allem aber setzte der Kriminalroman mit Marlowe seinen Fuß dahin, wo das echte Leben stattfand. Weg von den Landsitzen der Adeligen, den opulenten Flusskreuzfahrtschiffen und luxuriösen Eisenbahnwagen, ging es mit Marlow fortan in die dunkelsten Straßen und Gossen von Los Angeles. Dort, an der amerikanischen Westküste, wo die Folgen der Wirtschaftskrise noch an jeder Straßenecke sicht- und spürbar waren, offenbarte Chandler seinen Leser:innen ein Panoptikum an gescheiterten Existenzen, an Tagedieben, Gangstern, Träumern und Glücksrittern – vor allem aber an sozialen Strukturen und Motiven, ein Verbrechen zu begehen, die dem Genre vor ihm noch weitgehend verschlossen waren.


»Der Regen trommelte hart auf das Verdeck und sickerte langsam durch. Am Wagenboden bildete sich ein Fußbad. Für so einen Regen war es zu früh im Herbst. Ich quälte mich in meinen Trenchcoat, raste in den nächsten Drugstore und holte mir einen halben Liter Whiskey. Wieder im Auto, schüttete ich mir genug davon rein, um warm und wach zu bleiben. « Raymond Chandler, »Der große Schlaf« (Diogenes)

Seinen ersten Auftritt hatte der lakonische, in einer korrupten und zerrütteten Welt stets um moralische Integrität ringende Privatermittler in einigen Kurzgeschichten. Es folgten sieben Romane. Den womöglich elegantesten und makellosesten veröffentlichte Chandler im Jahr 1939: »The Big Sleep« (dt. »Der große Schlaf«). Doch was ist es, das diese durchaus komplexe Geschichte um den erpressten todkranken General Sternwood mit seinen vogelwilden Töchtern und ihren heute leicht anachronistisch anmutenden Plot um eine illegale Leihbibliothek für pornographische Bücher bis in die Gegenwart zu einer Art Goldstandard des Kriminalromans macht?

Dieser Frage widmen sich der Hamburger Journalist und Krimikritiker Marcus Müntefering (Spiegel Online, Juror Krimibestenliste) und der Münchner Autor und siebenfache Krimipreisträger Friedrich Ani im Rahmen der »Crime Cologne« bei der Veranstaltung »A Fistful of Chandler«. Gemeinsam entschlüsseln sie den Chandler-Code, präsentieren die besten Szenen aus »Der große Schlaf«, demonstrieren die immer wieder verblüffende Eleganz in Chandlers Sprache und Werk, werfen einen Blick auf die Wirkung, die Marlowe auf die Popkultur hatte, und verraten, was Chandler zu einem der größten Krimiautoren aller Zeiten macht. Anhand von Frank Heriberts Neuübersetzung von »The Big Sleep« zeigen sie, dass Chandler vor allem deshalb so gut war, weil er seinen Detektiv Philip Marlowe tief in die Unterwelt von Los Angeles eintauchen ließ, wo Gewalt auch nur eine Form der Kommunikation war. Weil er wusste, dass kein Ende jemals wirklich happy sein kann. Und weil er mit Witz, mit Melancholie und tiefer Menschlichkeit erzählte.


Der Abend »A Fistful of Chandler« findet im Club Subway statt. Karten sind über Köln Ticket erhältlich.


Dienstag, 27. Sept. 2022, 20:00

A Fistful of Chandler

Sprecher: Friedrich Ani

Moderation: Marcus Müntefering


Subway

Aachener Straße 82–84

50674 Köln


15 €/13 € ermäßigt

Einlass ab 19.30 Uhr,

teilbestuhlt, freie Platzwahl